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Ein Uhrenkauf in Peking

6.November 2007

Mein Bruder, von Beruf Lufthansa-Pilot, hatte mich diesmal auf seinen, wie das heisst, Umlauf, nach Peking mitgenommen. Wir logierten standesgemäß im Lufthansa Hotel Kempinski Beijing und waren mit unserem Frühstück befasst, als im offiziellen englischen Radioprogramm der Volksrepublik die Übersetzung einer brandneuen Rede des chinesischen Premierministers verlesen wurde. Diese war merklich an das Ausland gerichtet und lobte in höchsten Tönen die tiefe Ernsthaftigkeit und die grossen Erfolge der Anstrengungen des Staates, gegen Produkt- und Patentpiraterie vorzugehen.

Wie man staunend hörte, gab es so etwas eigentlich gar nicht mehr, vielmehr war China in dieser Hinsicht selbstverständlich international gesehen ein Vorbild, nein gar ein Vorreiter, ja, ohnehin schon seit je ein Muster an Rechtschaffenheit gewesen - und was immer dergleichen Sprüche der Propaganda eines autoritären nationalistischen Regimes mehr sein mochten, das sich gegen die hinterhältigen und lügenhaften Vorwürfe der bezahlten Knechte eines missgünstigen Auslandes wehren musste.

Beeindruckt schlürften wir unseren Kaffee und machten uns auf, Peking zu erkunden. Platz des angeblichen himmlischen Friedens, Mao-Mausoleum und die verbotene Kaiser-Stadt, damit waren wir die letzten Tage durch, streiften hierhin und dorthin, und betraten endlich ein an einem auch gefälschte Uhren führenden Trödelmarkt gelegenes modernes, ziemlich großes Kaufhaus. Dies war, wie uns gleich klar wurde, kein gewöhnliches, banales Kaufhaus, sondern, in Deutschland und ganz Europa nie gesehen, ein Uhren-Kaufhaus! Auf mehreren Stockwerken, nur Uhren, Uhren und nochmal Uhren, nichts als Uhren, Uhren tonnenweise, Lastwagenladungen von Uhren. Uhren aller Marken dieser Welt, in jeder Ausführung. Von der protzig-diamantbesetzten güldenen Rolex im Grossformat über die edle Langhans mit Mondphasen-Anzeiger zur wertvollen Patek-Philippe mit edlem Lederarmband, von der bunten Swatch ohne Ziffern und durchsichtigem Plastikband zum blechernen roten Wecker mit dem zappelnden Arm des seine Bibel im Sekundentakt schwenkenden Mao, war, soweit wir sehen konnten, wirklich da, was immer sich der Uhrenkäufer wünschen mochte. Dass all dies nachgebastelt, gefälscht und gefaked war, versteht sich von selbst. Weniger falsch hingegen waren die Verkäuferinnen, von denen eine jede ihre kleine Abteilung, ihren Stand, mit Vitrinen, Schubladen und Koffern voll mit Zentnern von Uhren hatte und diese in Windeseile vor sich ausbreiteten, schwenkten, zeigten und laut anpriesen, sobald sie eines möglichen Kunden in der Ferne ansichtig wurden, diesem hinterher liefen, sollte er es wagen ihre herrlichen Uhren zu missachten, ihn am Ärmel zupften und ihm die Uhren vor die Nase hielten. Nach fünf Minuten war ich mir eigentlich ganz sicher, dass all diese Uhrenverkäuferinnen keinen Cent, oder besser gesagt, keinen Yüan, Gehalt empfingen, sondern ausschliesslich auf Provision arbeiteten, hätte doch ihr Gebaren noch jedem Basarhändler in Kairo oder Marrakesch die Schamröte ins Gesicht getrieben. Ich erstand nach langem Hin- und Her und Handeln eine ursprünglich angeblich 60 Euro teure riesige goldene Rolex als Andenken an die mächtige Rede zur Produktpiraterie, für ganze 15 Euro, eine echte Automatic, die sicher auch heute nach 3 Jahren noch einwandfrei liefe - wenn ich sie denn träge.

Bis auf den heutigen Tag wundere ich mich darüber, wer in aller Welt die Myriaden von Uhren kaufen und tragen soll, die allein in diesem Kaufhaus vorrätig waren und welches Geheimnis wohl hinter dem offenbar genialen Wirtschaftssystem verborgen liegen mag, das an einer echten Automatic-Uhr für 15 Euro noch Gewinn machen kann.

Was die Rede des Premiers anging, fand ich diese doch durch das Erlebnis im Uhrenkaufhaus, sagen wir, relativiert …

Dr. Herbert Sulzer, Bad Muskau

Themen: Uhren |